Computersimulation von sozialer Interaktion
Nach der Theorie der Affektsteuerung (> Affect Control Theory) von David Heise handeln Menschen in der sozialen Interaktion passend zu den Gefühlen, welche sie mit der Situation verbinden. Die Gefühle hängen wiederum davon ab, wie man eine Situation sprachlich beschreiben würde. Mit dem Computerprogramm INTERACT können soziale Interaktionen und die dabei auftretenden Emotionen simuliert werden. Das Programm nutzt dazu die Daten über die emotionalen Eigenschaften der Sprache, die im Projekt Magellan erhoben wurden (siehe Themseite > Sprache und Emotion).
Die Affektsteuerungstheorie (Affect Control Theory)
Menschen benutzen Sprache, um soziale Situationen zu verstehen. Dabei werden situationsabhängige Gefühlsassoziationen ausgelöst. Die Theorie der Affektsteuerung besagt nun, dass Menschen ihre Handlungen danach auswählen, dass sie gefühlsmäßig zu der erlebten Situation passen.
Beispiel: Warum spielen Mütter mit Kindern? Nach der Affektsteuerungstheorie ist der Grund, dass die Handlung “spielen” emotional sehr gut zu einer Situation passt, in der eine “Mutter” etwas mit einem “Kind” macht.
Steuerung sozialen Handelns
In den emotionalen Assoziationen von Wörtern ist Wissen über gesellschaftliche Normen und kulturelle Regeln enthalten. Dass Mütter gerne mit Kindern spielen, ist wohl kein spektakuläres Beispiel. Aber woher weiß man eigentlich, wie man sich auf einem “Finanzamt” verhält, selbst wenn man dort zum ersten Mal in seinem Leben ist? Man weiß es (so die Theorie), weil man das Gefühl kennt, das mit einem “Finanzamt” verbunden ist, und dann emotional passende Handlungen auswählt.
Menschen möchten erleben, was sie schon wissen!
Das Gehirn hat gerne alles so, wie es die Dinge kennt. Und da wir ihm den Gefallen tun, verhalten wir uns so, dass es Gefühle aufrecht erhalten kann. Warum ist es zum Beispiel so schwierig, eine Depression loszuwerden? Depressive Patienten handeln selber immer wieder so, dass sie sich damit ihr Gefühl von Wertlosigkeit, Ohnmacht und Trägheit bestätigen. Auch aus anderen Bereichen kennt man “selbsterfüllende Prophezeiungen”.
Welche Rolle spielen sprachlich ausgelöste Emotionen?
Eine “Mutter, die mit einem Kind spielt” fühlt sich ganz ähnlich an wie eine einfache “Mutter” - wir haben das im Projekt Magellan überprüft. Ganz anders hingegen eine “Mutter, die ein Kind schlägt.” Die Teilnehmer am Projekt Magellan haben neben einfachen Wörtern auch hundert solcher Beispielsätze nach ihrem Gefühlsgehalt bewertet. Mit diesen Daten wurde ein mathematisches Modell der Gefühlsverarbeitung berechnet. Man kann es benutzen, um zu einer gegebenen Situation emotional passende Handlungen zu errechnen.
Emotionen: zum Handlen passendes Erleben
Welches Gefühl löst eine “zufriedene Mutter” bei Ihnen aus? Bei den meisten Teilnehmern des Projekt Magellan war es ganz ähnlich wie die Emotion, die sie mit einer einfachen “Mutter” verbanden. Daraus folgt die theoretische Vorhersage, dass Mütter (die sich als solche verstehen) in der sozialen Interaktion besonders häufig “zufrieden” sind. Zumindest dann, wenn sie auf eine Weise handeln, die emotional zu ihrer Identität als Mutter passt.
Was, wenn sie im Handeln ihre Identität verletzt? Eine “Mutter, die ein Kind schlägt,” ruft ähnliche emotionale Reaktionen hervor wie eine “wütende Mutter”. Auf diese Weise werden in der Affektsteuerungstheorie, basierend auf emotionalen Eigenschaften der Sprache, Identitäten, Handlungen und Emotionen verbunden:
Identität: Mutter
Emotional passende Handlung: mit einem Kind spielen
Resultierende Emotion: Zufriedenheit
Identität: Mutter
Emotional unpassende Handlung: ein Kind schlagen
Resultierende Emotion: Wut
Neu ist daran nicht die Erkenntnis, dass schlagende Mütter häufig wütend sind. Sie werden das auch schon gewusst haben, bevor Sie auf dieser Internetseite gelesen haben. Interessant ist aber, dass man das, was Sie und andere über Emotionen und Handlungen “wissen”, vorhersagen kann, wenn man die emotionalen Eigenschaften der Sprache kennt. Die Idee dahinter ist, dass das Wissen im Gehirn genau so organisiert ist, nämlich über die gefühlsmäßige Ähnlichkeit von Begriffen.
Attribution: Erklärungen für soziales Geschehen finden
Stellen Sie sich vor, wie eine Mutter ein Kind schlägt. Suchen Sie nicht automatisch nach einer Erklärung dafür? Ein Grund könnte sein, dass die Mutter “jähzornig” oder “gefühlskalt” ist. Den Schluss von einer Handlung auf eine Persönlichkeitseigenschaft nennen Psychologen Attribution (=Ursachenzuschreibung).
Auch solche Attributionen könnten auf emotionale Eigenschaften der Sprache zurückzuführen sein. Man kann das Simulationsprogramm INTERACT auf Basis der Daten des Projekt Magellan berechnen lassen, welches Adjektiv man in einem Satz ergänzen muss, um die beschriebene Handlung emotional möglichst stimmig zu machen.
Übrigens kann es ja auch an der Tochter liegen, dass sie geschlagen wird. Vielleicht ist sie “jämmerlich” oder “unnütz”. Immer wieder müssen Opfer von Verbrechen die leidvolle Erfahrung machen, selber als Folge des Geschehens abgewertet zu werden: “Kein Wunder, überfallen zu werden, wenn man sich so sorglos verhält…” Und müssen nicht Arbeitslose oft mit dem Vorwurf kämpfen, “faul” zu sein und gar nicht arbeiten zu wollen? Auch wenn es Ihnen ungerecht erscheinen mag: Opfer abzuwerten ist tatsächlich eine Tendenz des menschlichen Denkens - und INTERACT sagt sie korrekt vorher. Offenbar ist die Opferabwertung in den emotionalen Eigenschaften der Sprache “eingebaut”.
Simulation sozialer Interaktion mit dem Programm INTERACT
Das Computerprogramm INTERACT (von David Heise) berechnet mathematisch aufgrund der Daten aus dem Projekt Magellan, wie sehr Gefühle, die aus einer Handlung resultieren, von den ursprünglichen situationsbezogenen Gefühlen abweichen. Handlungen, die nur eine geringe Gefühlsabweichung auslösen, sind wahrscheinlicher. Die Affektsteuerungstheorie vermutet, dass im Gehirn bei der Steuerung von Handlungen ähnliche Berechnungen ablaufen.
Wenn das Programm wahrscheinliche Handlungen oder Emotionen vorhersagt, so wird immer ein optimaler Punkt im emotionalen Raum berechnet, welcher jeweils einen Wert auf den Dimensionen Valenz, Potenz und Erregung hat. Im zweiten Schritt durchsucht INTERACT die Wortdatenbank, welche im Projekt Magellan entstanden ist, nach Verben bzw. Adjektiven, die ähnliche Koordinaten haben.
Sie können hier die deutsche Version von INTERACT ausprobieren. Dafür müssen Sie allerdings die > Nutzungsbedingungen akzeptieren. Eine Bedienungsanleitung finden Sie > hier. Klicken Sie auf das nebenstehende Bild, um das Programm zu starten.
Anwendungen der Affect Control Theory
Die Affektsteuerungstheorie ist eine sehr allgemeine Theorie der sozialen Interaktion. Daher kann sie in vielen Feldern Anwendung finden, wo es darauf ankommt zu verstehen, wie Menschen miteinander interagieren. Hier finden Sie ein paar Beispiele:
- Interkulturelle Kommunikation: Auch wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen inhaltlich das Gleiche meinen, können sich ihre Gefühle deutlich unterscheiden. Dann kann es zu Konflikten kommen, die man mit Hilfe der Affektsteuerungstheorie verstehen kann. > Download Vortrag zu sozialen Konflikten
- Mitarbeiterführung: Führung heißt, Mitarbeiter zu bestimmten Handlungen im Sinne der Ziele einer Organisation zu bewegen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist der Umgang mit Emotionen. Wir konnten in zwei Experimenten zeigen, dass die emotionale Dynamik beim Führen von Mitarbeitern mit der Computersimulation INTERACT vorhergesagt werden kann. > Download Manuskript
- Psychotherapie: Ziel der Psychotherapie (z.B. bei Depression) ist es, sprachliche Selbst-Definitionen und die damit verbundenen Gefühle zu verändern, so dass andere Handlungen emotional passend werden, die ein zufriedeneres Leben ermöglichen.
- Mensch-Maschine-Kommunikation: Das mathematische Modell hinter der Affektsteuerungstheorie eignet sich prinzipiell dazu, virtuelle Agenten mit Emotionsausdruck auszustatten.
Weitere Informationen zur Affect Control Theory
Auf den Internetseiten von David Heise an der Indiana University finden sich ausführliche Informationen zur Affect Control Theory (in englischer Sprache), dazu gehört eine Übersicht sämtlicher veröffentlichter Forschungsarbeiten dazu sowie die Möglichkeit, Software und Datensätze herunterzuladen. > International ACT Website